QB 04/2021 – „Private Debt kann dem Mittelstand helfen.“

Gerald Ullrich, wiedergewählter Abgeordneter des Deutschen Bundestages und erfolgreicher Unternehmensgründer, spricht mit uns im exklusiven Interview über Mittelstandsfinanzierung, die EU-Crowdfundingverordnung und das Hausbankenprinzip.

VdK: Sehr geehrter Herr Ullrich, zunächst gratulieren wir Ihnen zur erfolgreichen Wiederwahl in den Deutschen Bundestag. Beginnen möchten wir mit einer allgemeinen Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die aktuell größten Herausforderungen für den deutschen Mittelstand?

Gerald Ullrich: Zusammengefasst lässt sich sagen: Der Mangel. Sei es der Mangel an Rohstoffen, der Mangel an bezahlbarer Energie, der Fachkräftemangel, Mangel an willigen Unternehmensnachfolgern oder der Mangel an Flexibilität durch eine überbordende Bürokratie. Es fehlt meines Erachtens nicht am Tatendrang und der Innovationskraft der Unternehmen, sondern an den Möglichkeiten, diese umzusetzen. Überall lassen sich Hindernisse finden, deren Bewältigung Kraft und Geld kosten und von staatlicher Seite meist wenig Berücksichtigung finden.

VdK: Brauchen wir also eine neue Mittelstandsstrategie der nächsten Bundesregierung?

Gerald Ullrich: Absolut. Wenn wir Umfang und Wirkung der Mittelstandsstrategie der bisherigen Bundesregierung zum Maßstab nehmen, bräuchten wir sogar mehrere. Parteipolitisches beiseite: Die bisherige Mittelstandsstrategie zielte vor allem darauf ab, den Unternehmern zu helfen. Generell ist dies ein guter Gedanke und einige Elemente waren auch richtig. Sinnvoller wäre es aber zu prüfen, welche Hindernisse mittelständischen Unternehmen im Weg stehen und diese dann zu beseitigen. Damit wäre dem Mittelstand mehr geholfen, insbesondere da nicht wenige dieser Hindernisse von staatlicher Seite aus geschaffen wurden. 

VdK: KMU und Startups sind auf unbesicherte Liquidität für ihr Wachstum angewiesen. In der Realität sieht es aber immer öfter so aus, dass sie die nur bei bester Bonität und mit Beziehungen zu einer Hausbank erhalten. Basel3 wird ein wichtiger Treiber der Rating-Migration werden. Als Finanzierungsalternative bietet sich die digitale Fremdfinanzierung über Kreditplattformen an. Wie stehen Sie als Unternehmensgründer zu Private Debt?

Gerald Ullrich: Als ich kurz nach der Wiedervereinigung mein Unternehmen gegründet habe, war Private Debt noch kein Thema. Damals waren es vor allem klassische Bankkredite und staatliche Förderungen, welche in dieser Situation ausgegeben wurden. Eine generelle Ausweitung des Angebots an Fremdfinanzierungen kann letztlich vor allem den kleinen und mittleren Betrieben zugutekommen. Diese haben meist Hürden zu überwinden, um überhaupt ein Rating zu bekommen, bezogen auf den Aufwand und die damit verbundene Kosten-Nutzen Rechnung. Dabei sind die mittelständischen Unternehmen meist sehr verantwortungsvoll und in corona-freien Zeiten von großen Schwankungen weniger betroffen. Zentral sind vor allem Rahmenbedingungen für Private Debt, die für alle Involvierten passen und eine wirkliche Alternative bieten. Zur Schaffung von mehr Vertrauen kann von staatlicher Seite hierzu der Dachfonds bzw. Zukunftsfonds zur Start-up-Finanzierung verstetigt werden. 

VdK: Welche Chancen, aber auch Risiken sehen Sie hier für den Mittelstand speziell mit Blick auf die EU-Crowdfundingverordnung, die am 10.11. wirksam wird?

Gerald Ullrich: Prinzipiell wäre ein erhöhtes Maß an Rechtssicherheit durch die EU-Crowdfundingverordnung zu begrüßen, welche die leihende und aufnehmende Seite jeweils stärkt und dadurch mehr Vertrauen in das Instrument Crowdfunding schafft. Dies würde Akzeptanz und Verbreitung deutlich steigern. Mittelständler hätten mehr Flexibilität in der Finanzierung, insbesondere könnten somit projektbezogene Finanzierungen oder die Einführung neuer Produkte erleichtert werden. In der Praxis ist dies aber deutlich schwieriger, überhaupt auf einem solchen Kapitalmarkt tätig werden. Zum Beispiel, wenn erhebliche Ansprüche oder über definierte Haftungsfragen an die Unternehmen gestellt werden. Wenn niemand ein Angebot abgeben kann und somit gar kein Markt entsteht, dann nützt die beste Rechtssicherheit nichts.

VdK: Haben Sie selbst sich schon einmal Mittel über eine Kreditplattform beschafft?

Gerald Ullrich: Für meine Firma habe ich es noch nicht beansprucht, einige Unternehmer in meinem Umfeld haben aber damit schon experimentiert. 

VdK: Was hat sie davon abgehalten, gibt es einen speziellen Grund?

Gerald Ullrich: Bisher habe ich es schlicht noch nicht benötigt. Ich stehe dem Thema aber offen gegenüber. Es hängt sicher auch damit zusammen, dass in meinem kunststoffverarbeitenden Betrieb die Investitionsgüter meist einzelne große Maschinen sind, die sich wohl etwas schwerer auf Kreditplattformen finanzieren lassen. 

VdK: Wie stehen Sie zum Hausbankenprinzip – sollten die staatlichen Förderbanken auch mit Kreditplattformen zusammenarbeiten müssen? In anderen Ländern wie etwa Großbritannien, Frankreich oder Italien ist man da seit Ausbruch der Corona-Krise schon erfolgreich weiter.

Gerald Ullrich: Für etablierte Mittelständler hat sich das Hausbankprinzip meines Erachtens bewährt, auch während der Corona-Krise. Eine Zusammenarbeit zwischen Hausbanken und Kreditplattformen sollte auf Wunsch des Unternehmens, somit des Kunden, immer möglich sein. Bei der Zusammenarbeit zwischen Förderbanken und Kreditplattformen bestehen momentan noch zu viel rechtliche Fragen, die erst aus dem Weg geräumt werden müssten. Hier sollte es zumindest Experimente in der Gründungs- und Start-Up-Finanzierung geben. Mit der KfW-Capital besteht seit wenigen Jahren eine neue Institution, welche eine Funktion abseits der Förderbanken einnimmt, aber staatliche Gelder verteilt. Eine Zusammenarbeit der KfW Capital und Kreditplattformen ließe hier mehr Innovationen zu. 

VdK: Eine Frage zum Abschluss: Wo sehen Sie den Mittelstand in zehn Jahren?

Gerald Ullrich: Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist in zehn Jahren wieder gesund und stabil, nicht überlastet oder ausgezehrt. Es muss gelingen, die eigentliche unternehmerische Tätigkeit wieder in den Vordergrund zu rücken, nicht die Arbeit an etwaigen Nebenbaustellen und Bürokratie. Nur so kann Innovation, Wandel und Dekarbonisierung gelingen. 

VdK: Sehr geehrter Herr Ullrich, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen für die neue Legislaturperiode viel Erfolg

Das vollständige Interview als PDF finden Sie hier.

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