QB 02/2021 – Plattformen für die digitale Schuldscheinvermarktung

Seit nunmehr drei Jahren steht das Schuldscheindarlehen im Fokus zahlreicher Digitalisierungsinitiativen von Banken und Fintechs. Diese Initiativen verfolgen das Ziel, den von Medienbrüchen geprägten Prozess für Darlehensnehmer, Investoren und Arrangeure deutlich effizienter, transparenter und kostengünstiger zu gestalten. Das gelingt durch den Einsatz digitaler Plattformen, auf denen die Marktteilnehmer direkt miteinander vernetzt sind.

Von Christoph Steinbrich, Geschäftsführer der DEBTVISION GmbH

Die Digitalisierung hat sich längst in sämtlichen Geschäftsbereichen von Unternehmen und Banken durchgesetzt und dessen Ausbau wird weiter forciert. Insbesondere im Bereich Corporate Finance steht das Schuldscheindarlehen – das sich vor allem seit der Finanzmarktkrise zu einer wichtigen Säule der Unternehmensfinanzierung in der DACH-Region entwickelt hat – seit nunmehr drei Jahren im Fokus dieses Trends.

Alle Parteien, die Darlehensnehmer, Arrangeurs-Banken und Investoren profitieren von der Nutzung einer digitalen Plattform. Die digitalen Plattformen bündeln alle Transaktionsdaten, alle relevanten Dokumente und die Kommunikation zwischen den beteiligten Parteien auf einem einzigen System und folgt somit dem Single-Point-of-Information Ansatz. Dadurch lassen sich Medienbrüche zwischen den beteiligten Marktteilnehmern vermeiden. Dies vermindert den administrativen Aufwand, erhöht die Transparenz und steigert insgesamt die Prozesseffizienz. Darlehensnehmer und Investoren sind näher an der eigentlichen Transaktion und können diese in Echtzeit verfolgen. Aufgrund der geringeren Transaktionskosten einer digitalen Vermarktung können auch kleinere Volumina an Schuldscheinen wirtschaftlich platziert werden. Dies ist ein interessanter Aspekt, der das Finanzierungsverhalten der Treasurer in Zukunft nachhaltig beeinflussen könnte. Ein weiterer Aspekt ist der direkte Investorenzugang für Darlehensnehmer. Besonders interessant ist diese Möglichkeit für schuldscheinerfahrene Darlehensnehmer, die bereits über entsprechende Schuldscheinunterlagen verfügen und somit im Grundsatz direkt am Schuldscheinmarkt agieren können.

Erfolgsfaktoren digitaler Plattformen

Die Vorteile der digitalen Schuldscheinvermarktung sind evident. Am Ende ist das Netzwerk eines digitalen Marktplatzes erfolgsentscheidend. Der Grund dafür ist das zweiseitige Marktprinzip (Two-Sided-Market) von Plattformen und die damit einhergehenden Netzwerkeffekte. Das heißt, je mehr Teilnehmer aus einer Nutzergruppe die Plattform nutzen, desto attraktiver wird die Plattform für Nutzer aus der anderen Gruppe und umgekehrt. Am konkreten Beispiel von Schuldscheinplattformen bedeutet dies, dass nur solche Plattformen erfolgreich sein werden, die es schaffen, ein starkes Vertriebsnetz von Investoren aufzubauen, um für Kreditnehmer und Arrangeure attraktiv zu sein. Eine erste Konsolidierung der verschiedenen Plattformansätze hat daher bereits über den bestehenden Dealflow (reguläre Geschäftstätigkeit) stattgefunden.

Ein Überblick zu den verschiedenen Plattformansätzen am Schuldscheinmarkt

Wenngleich die Plattformen im Schuldscheinmarkt ähnliche Leistungen versprechen, sind die jeweiligen Ansatzpunkte keineswegs identisch. Je nach Einbindungsgrad einer Arrangeurs-Bank stehen sich Plattformen mit einem marktplatzorientierten Ansatz, die keine Arrangeurs-Bank(en) einbinden und toolorientierte Plattformansätze gegenüber, die ausschließlich über eine Arrangeurs-Bank des Kreditnehmers genutzt werden können. Während die stärker marktplatzorientierten Plattformansätze einen Schwerpunkt auf die Unabhängigkeit des Kreditnehmers legen und ihm einen bankenunabhängigen Platzierungskanal bieten, orientieren sich die Plattformen mit Arrangeur-Anbindung an dem bewährten Modell. Hier fungiert die Plattform als Werkzeug für den Arrangeur zur Inhouse Effizienzsteigerung. Zwischen diesen beiden Varianten gibt es auch Mischformen, die den Darlehensnehmer entscheiden lassen, ob bei der Vermarktung der Transaktion eine oder mehrere Arrangeur-Bank(en) hinzugezogen werden sollen oder nicht (siehe Abbildung).

 

 

Bislang sind auch bei der digitalen Schuldscheinvermarktung die Einbindung von Arrangeur-Banken die erste Wahl für Darlehensnehmer. Doch inwiefern wird sich die Rolle der Arrangeur-Banken im Zuge der Digitalisierung und Professionalisierung der Plattformen verändern? Eines zeichnet sich schon heute ab: Die Nutzung von Plattformen, egal in welcher Variante ist sinnstiftend und bietet für die Beteiligten einen deutlichen Mehrwert.

Ausblick – Der Einsatz digitaler Plattformen gewinnt stetig an Bedeutung

Die bisherigen Erfahrungswerte mit digitalen Plattformen haben gezeigt, dass die beteiligten Nutzergruppen die Vorteile der Plattformen für sich erkannt haben. Welcher Plattformansatz sich durchsetzen wird, hängt zum einen von der Fähigkeit ab, ein distributionsstarkes Investorennetzwerk aufzubauen. Zum anderen gilt es, insbesondere Darlehensnehmer und Investoren langfristig von den Mehrwerten und Zusatzleistungen zu überzeugen und die Produktpalette stetig, um weitere Finanzprodukte zu erweitern. Zudem wird künftig die End-to-end Digitalisierung – d. h. die vollständige Digitalisierung des kompletten Schuldscheinprozess – eine wichtige Rolle einnehmen. Diese Entwicklungen forcieren die digitale Transformation der Finanzindustrie und verankern deren Bedeutung im Bereich der Unternehmensfinanzierung. Gleichermaßen gilt es mit Interesse zu verfolgen, wie stark sich Rollen und Arbeitsteilung sowie Verhaltensmuster in der Unternehmensfinanzierung in der digitalen Zukunft verändern werden. Der Einsatz digitaler Plattformen wird auch zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen.

Den vollständigen Fachartikel als PDF finden Sie hier.

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