QB 01/2022 – Sinkende Anzahl von Unternehmensinsolvenzen trotz Pandemie: Segen oder Fluch zugleich?

Die Corona-Hilfen sichern dem Mittelstand das Überleben und retten Arbeitsplätze. Es gibt allerdings auch eine gefährliche Seite: Zombies. Warum die Bundesregierung jetzt handeln muss, erklärt Clemens Fritzen, Geschäftsführer der NetBid Finance GmbH.

Die staatlichen Corona-Hilfsmaßnahmen scheinen zu greifen: Die Unternehmen überleben und Arbeitsplätze werden gerettet. Doch die Medaille hat zwei Seiten. Im Markt laufen Zombie-Unternehmen mit hohem Infektionsrisiko herum. Die Bundesregierung muss jetzt handeln und dem ein Ende setzen.

Laut Studie DIAGNOSE MITTELSTAND 2021 des Sparkassen- und Giroverbandes hat die Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft schwer getroffen. Die weiter anhaltenden Auflagen und Einschränkungen in vielen Branchen bremsen die wirtschaftliche Erholung. Lieferketten wurden zeitweilig unterbrochen, Angebot und Nachfrage durch den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 massiv verringert. Die im Herbst/Winter 2020/21 folgenden Schließungen und Hygieneauflagen führten zu weiteren Umsatzausfällen in den betroffenen Wirtschaftszweigen.

Nach der Krise ist vor der Krise – der Druck auf Unternehmen bleibt hoch

Bund und Länder haben umfangreiche Unterstützungsmaßnahmen bereitgestellt: Überbrückungshilfen, Neustarthilfen für Soloselbstständige, Härtefallhilfen, Bürgschaften und Garantien, steuerliche Hilfsmaßnahmen, KfW-Kredite sowie arbeitsmarkpolitische Maßnahmen. Durch diese Instrumente in Kombination mit der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht konnten zahlreiche Pleiten verhindert werden. Dennoch stehen viele Unternehmen und Selbstständige nach wie vor unter Druck. Laut Umfrage der Sparkassen kamen die Liquiditätshilfen teilweise zwar sehr gut an, doch nunmehr drohen neue Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt: Chipkrise, Lieferengpässe, wachsende Rohstoffpreise.

Quelle: Diagnose Mittelstand 2021, Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., S. 33.

Und die Schere geht auseinander. Auf der einen Seite können durch die diversen staatlichen Hilfsmaßnahmen die Arbeitsplätze zwar (erst einmal?) gerettet werden. Waren laut Creditreform in 2020 noch 332.000 Arbeitsplätze bedroht, so sind es laut Schätzung 2021 noch 143.000. Beunruhigend ist jedoch auf der anderen Seite der starke Anstieg der Forderungsverluste auf geschätzte EUR 54 Mrd. Dieser Anstieg der Forderungen bei gleichzeitigem Rückgang der Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist darauf zurückzuführen, dass von Januar bis September 2021 mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen Insolvenz beantragt hatten als in den ersten neun Monaten 2020. Für 2021 insgesamt geht der Kreditversicherer Euler Hermes für Deutschland von einem Rückgang der Insolvenzen um rund 5% Prozent auf 15.000 aus. Das wäre der niedrigste Stand seit 1993 mit (15.582).

Hinweise auf die künftige Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen gibt die Zahl der beantragten Regelinsolvenzverfahren (Unternehmen oder Selbstständige mit mehr als 19 Gläubigern). Laut Statistischem Bundesamt stieg im November 2021 diese Zahl laut vorläufiger Angaben um 43,8 % gegenüber Oktober 2021, nachdem sie zuletzt gesunken war (-29,2 % im Oktober 2021 gegenüber September 2021).[1]

Doch ein detaillierter Blick auf die bis dato „positiven“ Insolvenzentwicklungen aufgrund u. a. der staatlichen Fördermaßnahmen gibt durchaus Grund zur Sorge. Besonders die corona- bedingte Verschuldung sowie aktuelle Inflationsentwicklungen bzw. Engpässe auf den Rohstoff- bzw. Logistikmärkten sind ernstzunehmende Bedrohungen. Auch die zurzeit noch “unsichtbare” Verschuldung wie gestundete Sozialversicherungsbeiträge, Umsatzsteuer, Mieten oder auch Lieferantenverbindlichkeiten werden in den nächsten Monaten fällig und können die Liquiditätssituation deutlich beeinträchtigen. Jetzt beginnende Tilgungen bei KfW- oder LfA-Krediten werden zusätzliche Belastungen darstellen. Sind die Unternehmen in der Lage, ihre Verpflichtungen wie Kapitaldienste und Zinsen zu leisten? Nicht immer.

„Zombifizierung“ der Wirtschaft

Die Unternehmensberatung Kearney hat mehr als 67.000 börsennotierte Unternehmen aus 154 Branchen und 152 Ländern hinsichtlich der OECD-Richtlinien unter die Lupe genommen und die Ergebnisse nach Branchen aufgeschlüsselt.  Dramatisch: Von 2010 bis 2021 hat sich die Zahl der Zombie-Unternehmen fast verdreifacht. Zudem stieg die Zahl dieser Unternehmen durch die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr mit einem Plus von 13 Prozent in allen untersuchten Volkswirtschaften nochmals deutlich an. Auffällig war dabei laut der Unternehmensberatung, dass rund 70 Prozent der betroffenen Unternehmen jedes Jahr im vergangenen Jahrzehnt zur „Zombie“-Kategorie zählten und zuletzt unter anderem mit staatlichen Corona-Hilfsprogrammen am Leben gehalten wurden. Zudem kleinere Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 500 Millionen Dollar deutlich stärk betroffen gewesen als Konzerne, die deutlich mehr Umsatz erzielten.

Sehr drastisch äußerte sich dazu Jörn Weitzmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht und Sanierung im Deutschen Anwaltverein (DAV): „Die Aussetzung der Insolvenzantragspflichten führt dazu, dass zahlungsunfähige und überschuldete Unternehmen andere anstecken und infizieren. Man bekommt die Cholera nicht aus der Stadt, wenn man die Leichen nicht von der Straße räumt.“

Auch die NetBid AG Unternehmensgruppe kann diese Tendenzen bestätigen. Maschinenbewertungen werden zum wiederholten Mal aktualisiert und Liquidationen wie z. B. die Sietas Werft in Hamburg, die Gusswerke in Saarbrücken oder Alno Küchen in Pfullendorf – Adressen, die der Insolvenzszene seit längerem bekannt sind – abgewickelt. Zudem wächst die Nachfrage nach Asset Based Finance z. B. über Sale and Leaseback von Maschinen stetig, da die klassischen Finanzierungsinstitute aufgrund der sinkenden Risikobereitschaft sowie der steigenden Regulierungsanforderungen und der unsicheren Unternehmensinsolvenzperspektive Neugeschäft sensibel gegenüberstehen.

Fazit

Die Corona-Politik hat ohne Zweifel zur Stabilisierung unserer Volkswirtschaft beigetragen. Gerade die KMU als Rückgrat unseres Wohlstandes brauchen Unterstützung Geldverteilung nach dem Gießkannenprinzip ist jedoch der falsche Ansatz. Unternehmen künstlich am Leben zu erhalten, mag unter dem Blickwinkel einer populären Politik des Arbeitsplatzerhaltes opportun erscheinen, kann aber langfristig zu unkalkulierbaren Schäden durch die Außerkraftsetzung von gesunden Marktmechanismen, durch z. B. Insolvenzen, führen. Das ist Fluch und Segen zugleich. Es kann so aber nicht weitergehen. Die Politik ist dringend gefordert, zur Normalität zurückzukehren. Die „Corona–Bazooka“ sollte in den Waffenschrank gehängt werden und die Unternehmen sich wieder über die Finanzmärkte (re-) finanzieren müssen. Die Zombies dürfen nicht weiter frei herumlaufen und drohen, gesunde Märkte zu infizieren. Das Insolvenzregulativ muss wieder greifen, auch wenn dadurch die Anzahl der Insolvenzanträge steigen dürfte.

Den vollständigen Fachartikel als PDF finden Sie hier.

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis), 2022