QB 02/2020 – KfW-Vorstand Ingrid Hengster: „Wir haben viele positive Erfahrungen mit Finanzierungs-Plattformen gemacht.“

Dr. Ingrid Hengster, Vorstand der KfW Bankengruppe, gibt uns in einem exklusiven Interview Einblicke
in das Kreditgeschäft der Förderbank, ihren Umgang mit der Corona-Krise sowie die Zusammenarbeit
mit Fintechs.

VdK: Zunächst eine grundsätzliche Frage zu Beginn: Wie ist aktuell die Stimmung in Ihrem Hause? Sie alle zusammen haben immerhin ein gewaltiges Hilfsprogramm umgesetzt, das bestimmt sehr viele Überstunden von allen Beteiligten notwendig gemacht hat. Wir applaudieren!

Dr. Hengster: Vielen Dank. Corona hat uns als große Förderbank für Deutschland stark gefordert, und ich glaube, wir können an dieser Stelle sagen: wir haben die Verantwortung angenommen. Das Auf- und Umsetzen des Hilfsprogramms ist in der Tat ein echter Kraftakt. Das gilt aber nicht nur für die KfW, sondern für alle Beteiligten. In der Krise ziehen wirklich alle an einem Strang. Angefangen bei unseren Auftraggebern, der Politik, die extrem schnell und entschlossen gehandelt hat, über die EU Kommission, die pragmatisch das für alle Hilfen notwendige Rahmenwerk geschaffen hat, die Bankenaufsicht, mit der nötige Erleichterungen im Kreditprozess abgestimmt worden sind, bis hin zur gesamten Kreditwirtschaft. Die Hilfe funktioniert ja nur, weil wir auf eine etablierte und erprobte Förderinfrastruktur aufsetzen. Und doch waren für die neuen Programme und Prozesse viele Nachtschichten bei uns und unseren Finanzierungspartnern, der gesamten Bankenlandschaft, notwendig. Das diesjährige Osterwochenende, das alle Häuser intensiv zum Programmieren genutzt haben, werden wir so schnell nicht vergessen. Unsere Mitarbeiter, alle Beteiligten, haben wirklich Großes geleistet. Darauf können wir, glaube ich, auch ein bisschen stolz sein. Zumal auch wir selbst unter Corona-Bedingungen unterwegs waren und sind.

Das hat auch in der KfW selbst einiges verändert. Homeoffice-Quoten von über 50% hätten sich viele noch zu Jahresbeginn vermutlich gar nicht vorstellen können. Aktuell spüren wir allenthalben Spannung mit Blick auf die Frage, wie es in Zeiten der Pandemie zukünftig weitergehen wird. Und das betrifft natürlich nicht nur KfW-Belange, sondern unser aller Zusammenarbeiten und Zusammenleben generell.

 

VdK: Bitte nennen Sie doch einmal konkrete Zahlen: Wie viele Anträge sind an die KfW bislang gestellt worden, und wie viele wurden positiv beschieden? Und welches Volumen wurde bewilligt?

Dr. Hengster:  Nach dem Start sind die Anträge im Sonderprogramm sehr schnell hochgelaufen. Zu Spitzenzeiten im Mai haben wir täglich 1 Mrd. Euro pro Tag gesehen. Bis heute, Mitte Oktober, haben Unternehmen insgesamt 92.000 Anträge gestellt, über 98% konnten wir davon automatisch direkt zusagen. Hier zahlen sich die Investitionen in die digitalen Antragswege aus, die wir in den vergangenen Jahren zusammen mit unseren Finanzierungspartnern getätigt haben. Nur so sind die großen Zahlen überhaupt zu stemmen.

In den Büchern stehen bislang Zusagen über 45 Mrd. EUR. Mittlerweile ist die Antragsdynamik deutlich abgeflacht, es kommen deutlich weniger Anträge. Das ist, wie wir meinen, ein sehr gutes Zeichen. Gleichzeitig bleibt natürlich abzuwarten, wie sich die Krise mit den inzwischen wieder steigenden Infektionszahlen weiterentwickelt.

Was uns wichtig ist: Die Hilfe kommt da an, wo sie gebraucht wird. 97% der Anträge kommen von kleinen und mittelgroßen Unternehmen, unterstützen also den breiten Mittelstand. Auf der anderen Seite stehen auch großvolumige Konsortialfinanzierungen für DAX-Unternehmen – sie haben es den Adhoc-Mitteilungen der Unternehmen entnommen. Sie sehen: Wir erreichen die gesamte Breite der Unternehmenslandschaft in Deutschland, und das ist ja auch das Ziel.

Was in der öffentlichen Debatte um die großen Zahlen vielleicht ein bisschen untergeht, sind die weiteren Facetten des KfW-Hilfspakets, diese „Familie“ ist über die Zeit ja durchaus gewachsen: Zur Unterstützung von Start-ups mit Venture Capital setzen KfW Capital und der Europäische Investitionsfonds die sogenannte Corona Matching Fazilität um. Und auch dem breiten Mittelstand können wir zusammen mit den Landesförderinstituten mit Eigenkapital und eigenkapitalähnlichen Finanzierungen unter die Arme greifen. Genauso wie gemeinnützigen Organisationen, z.B. Stiftungen, Krankenhäusern oder kulturellen Einrichtungen.

Gänzlich zinsfrei stellen konnten wir seit Mai den KfW-Studienkredit. Über 70.000 Studierende profitieren aktuell davon. Auch das ist, wie ich meine, eine sehr sinnvolle Unterstützung.

 

Hilfskredite müssen schnell und einfach bei den Kreditnehmern ankommen

VdK: Nun gibt es Kritik an der Ausgestaltung der Corona-Hilfen. Wir denken hier etwa an eine jüngere Studie von Barkow-Consulting. Danach kommen die Hilfen im Mittelstand gar nicht an. Die bürokratischen Hürden seien zu hoch, und nur etwa jedes hundertste Unternehmen habe die Kredite überhaupt beantragt. Darüber hinaus seien knapp neun von zehn KMU von den Schnellkrediten, die eigentlich besonders unbürokratisch an den Mittelstand verteilt werden sollten, komplett ausgeschlossen. Was sagen Sie den Kritikern?

Dr. Hengster: Die Aussagen und auch die Relationen in der besagten Studie entsprechen nicht unseren Wahrnehmungen und Erfahrungen zu den KfW-Coronahilfen. Gerade im Hinblick auf die Antragstellung und Auszahlung ist das Feedback der Unternehmen, die KfW-Hilfen in Anspruch nehmen, sehr positiv. Das zeigen die repräsentativen Kundenbefragungen, mit denen wir unsere Hilfsprogramme begleiten.

Neben den KfW-Krediten stehen Unternehmen weitere staatliche Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung, von Kurzarbeit über Steuerstundungen bis zu Corona-Soforthilfen der Länder. Ich teile die Einschätzung, dass sich die verschiedenen Maßnahmen sehr gut ergänzen und den Bedarf sehr vieler Unternehmen und Selbstständigen abfedern.

 

VdK: Teilen Sie die Ansicht, dass die Corona-Krise größer ist als die Finanzkrise vor über zehn Jahren? Und was können wir daraus für den Umgang mit Krisen lernen?

Dr. Hengster: Die Corona-Krise kam abrupter als die Finanzkrise und ist auch globaler. Außerdem ist sie größer in dem Sinne, dass sie nicht nur die typischen zyklischen Sektoren wie die Industrie betrifft, sondern auch sonst eher stabile Branchen im Dienstleistungssektor, die große Umsatzverluste erlitten haben. Andererseits gibt es in dieser Krise neben vielen Verlierern auch Unternehmen, die ihre Geschäfte deutlich ausweiten konnten. Denken wir nur an viele IT-Dienstleister oder den Internethandel. Große Verluste waren in einigen Branchen unvermeidbar, oftmals ist aber auch die Anpassungsfähigkeit jedes einzelnen Unternehmens entscheidend.

Von großer Bedeutung ist da die Kreativität und Innovationskraft der deutschen Wirtschaft. Das zeigen auch die Untersuchungen unserer volkswirtschaftlichen Abteilung: Im Mittelstand haben 27% der Unternehmen auf die Corona-Krise reagiert, indem sie ihre Produkte, Prozesse oder ihr Geschäftsmodell angepasst haben. Dies sind insbesondere solche Unternehmen, die schon vor der Corona-Krise innovativ waren. Eine eigene Innovationskraft aufzubauen und permanent zu stärken, hilft dem einzelnen Unternehmen, Krisen zu meistern und es hilft uns als gesamter Wirtschaft und Gesellschaft. Gleiches gilt auch für den Ausbau der Digitalisierung. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bei der Digitalisierung fortgeschrittene Unternehmen besser durch die letzte Krise kamen als andere. Nicht zuletzt trägt auch eine stärkere Diversifizierung von Absatz- und Zuliefermärkten zu einer höheren Resilienz bei.

Da steht die Unternehmenslandschaft in Deutschland vermutlich besser da als noch zur Finanzkrise. Und auch in diesem Zusammenhang bin ich überzeugt: Das konsequente und schnelle Handeln der Politik und aller Unterstützer hat sicher dazu beigetragen, dass eine Insolvenzwelle wie damals zumindest bisher ausgeblieben ist.

 

VdK: Es gibt immer wieder Berichte, wonach vor allem KMU der Verzweiflung nahe sind, weil ihre Anträge nicht schnell genug bearbeitet werden. Wie klappt nach Ihrer Einschätzung die Verteilung der Hilfskredite über die Hausbanken?

Dr. Hengster: Gerade was das Thema Geschwindigkeit angeht, haben wir mit Einführung der Corona-Hilfen neue Wege für Kredite mit Risikoübernahme beschritten. So wird bei Kreditanträgen  bis 3 Mio. EUR auf eine KfW eigene Risikoprüfung verzichtet und Anträge  – sobald sie uns erreichen – werden automatisch und ohne Zeitverzögerung entschieden. Damit konnte die Länge des Antragswegs gerade für kleine Unternehmen deutlich reduziert werden. Und auch die Zusammenarbeit mit den Hausbanken funktioniert nach unserer Einschätzung sehr gut.

Generell begleiten wir die Corona-Programme mit repräsentativer Markforschung. Diese zeigt eine sehr hohe Zufriedenheit der Corona-Kunden, sprich: der Unternehmen. Insbesondere Schnelligkeit und Einfachheit der Antragstellung überzeugen.

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Finanzierungen nicht zustande kamen oder sich die Anbahnung bei den Finanzierungspartnern hingezogen hat, gerade am Anfang, als die Hilfsprogramme noch frisch waren. Schließlich ist auch ein Corona-Hilfskredit noch ein Kredit, für den die Hausbanken in den meisten Fällen auch einen Teil des Risikos auf ihre Bücher genommen haben. Insgesamt bewegen sich Beschwerden von Interessenten zu Corona-Hilfen aber auf sehr niedrigem Niveau.

Vielleicht noch eine ganz spannende Erkenntnis ebenfalls aus unseren Erhebungen: Der Anteil der Corona-Zusagen, die über Finanzvermittler bzw. Plattformen gelaufen sind, liegt bei rund 10%. Und 30% der Corona-Kunden haben ihren KfW-Kredit online abgeschlossen. Auch dies wäre noch vor zwei, drei Jahren unvorstellbar gewesen.

 

VdK: Eine wahre Insolvenzwelle aufgrund der Corona-Pandemie steht uns möglicherweise noch bevor. Weitere Hilfskredite werden vom Bund in Aussicht gestellt. Könnten hier jetzt nicht auch Kreditplattformen Teil der Lösung sein? In anderen Ländern haben wir gesehen, dass die Fintechs das sehr gut und vor allem sehr schnell hinbekommen.

Dr. Hengster: Eine Einbindung von Kreditplattformen in die Förderkreditprozesse ist naturgemäß komplex und erfordert daher einen sorgfältigen Umgang mit den Risiken für die Steuerzahler, auch und gerade in der Krise. Wir haben viele positive Erfahrungen mit der Vermittlung von KfW-Krediten über Finanzierungs-Plattformen gemacht. Bereits heute sind einzelne gewerbliche Finanzierungs-Plattformen in der Lage, Corona-Kredite der KfW anzubieten und in enger Zusammenarbeit mit den angeschlossenen Finanzierungspartnern abzuschließen. Den eingeschlagenen Weg verfolgen wir konsequent weiter und planen die Zusammenarbeit hier weiter auszubauen.

 

Bewährte Zusammenarbeit zwischen KfW und Fintechs

VdK: Wie sieht die Zusammenarbeit im Kommunalfinanzierungsbereich aus und welche Chancen sehen Sie generell in Partnerschaften zwischen Fintechs und Banken?

Dr. Hengster: Im Kommunalfinanzierungsbereich kooperiert die KfW mit verschiedenen Kreditplattformen. Dies ist für uns eine gute Möglichkeit, unser Finanzierungsangebot für Kommunen auf den Plattformen zu präsentieren und so im Markt noch bekannter zu machen. Gleichzeitig können wir so die Entwicklungen von digitalen Lösungen im Markt aktiv begleiten.

 

VdK: Was wünschen Sie sich zukünftig für die Zusammenarbeit mit Fintechs?

Dr. Hengster: Wünschen würden wir uns ein gemeinsames Engagement, den Zugang zu Förderung für Kunden so einfach und schnell wie möglich zu gestalten. Wir können uns gut vorstellen, dass Fintechs, insbesondere Kreditvermittlungsplattformen, noch stärker in die Vermittlerrolle gehen und Förderberatung und -beantragung so vorbereiten, dass die Anträge von den Banken und Sparkassen automatisiert geprüft, bei uns beantragt, bewilligt und ausgezahlt werden können.

 

VdK: Wie weit ist Deutschland nach Ihrer Einschätzung beim Thema Fintech im internationalen Vergleich?

Dr. Hengster: Ich glaube, wir sind gar nicht so schlecht, wie manchmal kolportiert wird. Verglichen mit den USA und China fehlt es uns vielleicht hier und da noch der Mut und die Innovationskraft, Finanzdienstleistungen ganz neu zu denken und in konkrete Geschäftsmodelle zu übersetzen.

 

VdK: Ist es vorstellbar, dass die KfW eine eigene Kreditplattform auf die Beine stellt oder sich gar in eine einkauft?

Dr. Hengster: Als KfW treten wir weder in den Wettbewerb zu Banken und Sparkassen, noch bevorzugen wir einzelne Marktpartner. Das ist schon im KfW-Gesetz richtigerweise so angelegt. Wenn ein Einstieg in eine Kreditplattform oder der Bau einer eigenen Plattform unter Wahrung dieser beiden Prinzipien möglich ist und Mehrwert für den Kunden bringt, wieso nicht?

 

VdK: Was unterscheidet nach Ihrer Einschätzung die Arbeit bei der KfW von der bei einem Fintech?

Dr. Hengster: Trotz unserer Historie von 72 Jahren und einer Bilanzsumme von 500 Mrd. Euro – spontan würde ich sagen: Immer weniger! Wir werden zunehmend agiler und agieren deutlich marktnäher als früher. Auch Förderbanking impliziert heutzutage eine leistungsstarke IT. Noch unterscheidet uns sicher der Einfluss der Bankenregulierung. Und als Staatsbank geht es bei uns vermutlich vielfach auch politischer zu als in einem FinTech. Während ein FinTech – wie im übrigen alle unsere Finanzierungspartner – aus gutem Grund vielleicht nach rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden mag, haben bei uns zusätzlich förderpolitische Aspekte eine hohe Bedeutung.

 

VdK: Nun hat sich bereits die zweite Bank unserem Verband angeschlossen. Auch die KfW würde aufgrund ihres Geschäftsmodells und des Marktplatz-Gedankens für bestimmte Bereiche zum VdK passen. Können Sie sich eine Mitgliedschaft bei uns im Verband vorstellen?

Dr. Hengster: Prinzipiell kann ich mir Zusammenarbeiten überall dort vorstellen, wo es darum geht, dass Förderung gut sichtbar immer dort angeboten wird, wo Mehrwerte für den Kunden entstehen. Genau das ist unser Auftrag: Förderung einfach und überall für Kunden bereit zu stellen.

 

VdK: Liebe Frau Dr. Hengster. Vielen Dank für das sehr interessante und aufschlussreiche Interview.

 

Den vollständigen Fachartikel als PDF finden Sie hier.

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