Fit für die Zeit nach der Krise Kreditplattformen und Banken aufgepasst – Digitale Assets haben das Potential den Finanzierungsbereich nachhaltig zu verändern

Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie zeigt sich ein besonderes Potential in der Blockchain-Technologie. Wie Blockchain effizient eingesetzt werden kann und warum Deutschland hier eine globale Vorreiterrolle übernehmen kann, erklärt Jens Siebert, Chief Solution Officer der Kapilendo AG und Mitglied des Vorstands des VdK, in einem spannenden Insight.

Trotz aller Hilfsmaßnahmen und Förderkredite treffen die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der aktuellen Pandemie die deutsche Wirtschaft weiterhin hart. Die Bundesregierung rechnet in Ihrer aktuellen Konjunkturprognose mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von -6,3% für 2020. Auch wenn die allermeisten Prognosen eine Erholung für 2021 zeigen, wird das Wachstum nicht ausreichen, die Verluste des aktuellen Krisenjahres voll zu kompensieren.

Konsequenterweise überprüfen Banken und SME-Kreditplattformen aktuell Ihre Kreditmodelle und Ratingprozesse und bereiten sich auf die Marktphase nach Auslaufen der großen Förderkreditprogramme der KfW vor. Das erfordert Geduld, aber bietet zugleich Hoffnung auf eine deutlich verbesserte Geschäftslage in 2021.

Krise Nutzen um das Geschäftsmodell zu überprüfen

Gleichzeitig eröffnet sich eine große Chance, die über das operative Tagesgeschäft deutlich hinausgeht. Für das Führungspersonal von Banken und Kreditplattformen bietet sich jetzt ein optimales Zeitfenster, das eigene Geschäftsmodell und Operating Modell auf den Prüfstand zu stellen und fit zu machen für die Zukunft. Hierbei gehört neben den typischen Prozessoptimierungen und Automatisierungsbemühungen auch die Blockchain auf die Managementagenda. Warum ist das der Fall?

  • Der effiziente Eigentumsübertrag (=Tokenisierung) und die Abbildung von Kreditbedingungen (=Smart Contracts) über ein dezentrales Register (=Blockchain) bieten unbestreitbare Effizienz- und Skaleneffekte gegenüber heutigen Prozessen.
  • Die Europäische Kommission hat in Ihrer kürzlich veröffentlichten SME Strategie die Schaffung einer EU Blockchain Infrastruktur für die Emission und den Handel von Mittelstandsanleihen angekündigt.
  • Deutschland startet mit großen Ambitionen in die EU-Ratspräsidentschaft und möchte die EU-Gesetzgebung fit machen für digitale Assets und Wertpapiere.
  • Immer mehr Kreditplattformen suchen den Rat von spezialisierten Unternehmen, die dabei helfen, Tokenisierung in das eigene Geschäftsmodell zu integrieren.
  • Die Blockchain-Strategie der Bundesregierung nennt die Öffnung des Deutschen Wertpapierrechts für elektronische Wertpapiere als erste von insgesamt 44 konkret umzusetzenden Maßnahmen.
  • Die BaFin genehmigt bereits heute blockchainbasierte Anleiheemissionen von mittelständischen Emittenten (Beispiel: L’Osteria).

Auch wenn wir heute noch nicht die massive Marktdurchdringung und den „Killer-Use-Case“ der Blockchain im Finanzierungsbereich sehen, sollten insbesondere die Kreditplattformen, die auf die Bewertung, Strukturierung und Refinanzierung von Kreditrisiken spezialisiert sind, die Entwicklungen aufmerksam verfolgen. Die Blockchain-Technologie ist erwachsen geworden und kann die Spielregeln im Finanzierungsbereich disruptiv verändern. Insbesondere digitale Wertpapiere haben das Potential, auch kleinen und mittleren Unternehmen einen effizienten Zugang zum Kapitalmarkt zu ermöglichen – und damit das Geschäftsmodell von Kreditplattformen und Banken herauszufordern.

Digitale Wertpapiere als Alternative

Mit der Einführung digitaler Wertpapiere (Security Token Offering) steht Mittelständlern erstmals eine effiziente und kostengünstige Alternative zur klassischen Kreditfinanzierung zur Verfügung. Digitale Wertpapiere entsprechen in der Ausgestaltung und Regulierung gängigen Wertpapieren. Sie können beispielsweise wie eine klassische Anleihe Ansprüche auf Verzinsung abbilden. Die Emission und Platzierung sind jedoch deutlich effizienter als bei klassischen Wertpapieren.  Unternehmen sparen Zeit und Aufwand, denn auf zahlreiche Intermediäre wie Banken, Notare und Zentralverwahrer kann bei einer digitalen Wertpapieremission verzichtet werden. Bei der Emission sind Unternehmer grundsätzlich frei in der Entscheidung über die Strukturierung des Finanzinstruments. Dieses kann als Schuldverschreibung oder Genussrecht ausgegeben werden. Interessierte Investoren können zu niedrigen Kosten und mit geringen Beträgen flexibel in Token investieren. Das eröffnet völlig neue Perspektiven zur Streuung des eigenen Kapitals. Der Eigentumsübertrag wird sicher, transparent und eindeutig über die Blockchain dokumentiert.

Gemeinsam mit dem Kunden FR L’Osteria SE hat Kapilendo bereits Ende 2019 die erste Mittelstandsfinanzierung über ein digitales Wertpapier in Deutschland herausgegeben. Zum ersten Mal konnten Anleger in eine tokenbasierte Mittelstandsanleihe investieren. Die Wertpapieremission und der Eigentumsübertrag erfolgten mithilfe eines von der Kapilendo entwickelten Blockchain-Emissionsprotokolls.

Kapilendo Digital Assets Plattformen

Deutschland in globaler Vorreiterrolle

Entscheidend für die weitere positive Entwicklung der Blockchain-Technologie im Finanzierungsgeschäft wird eine technologiefreundliche Regulierung und Gesetzgebung sein. Es ist eine gute Nachricht, dass Deutschland im Juli die Ratspräsidentschaft in der EU übernommen und sich eine klare Blockchain-Agenda mit auf den Weg gegeben hat. Der EU und Deutschland bietet sich die einmalige Chance, in einer der zentralen Zukunftstechnologien des 21. Jahrhunderts eine globale Vorreiterrolle einzunehmen. In der Frage geht es um nicht weniger als die Wiederherstellung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit einer angeschlagenen europäischen Finanzindustrie im globalen Wettbewerb. Jetzt ist der Gesetzgeber – insbesondere die federführenden Bundesministerien für Finanzen und Justiz sowie die Europäische Kommission – gefragt, diese hervorragende Ausgangsposition zu nutzen und die nationale und europäische Gesetzgebung konsequent voranzutreiben.

Den vollständigen Fachartikel als PDF finden Sie hier.

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